{"id":12436,"date":"2022-05-31T11:01:41","date_gmt":"2022-05-31T09:01:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.bonnalliance-icb.de\/?p=12436"},"modified":"2022-05-31T11:05:14","modified_gmt":"2022-05-31T09:05:14","slug":"welche-bedeutung-haben-die-grenzen-des-wachstums-heute","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.bonnalliance.de\/de\/2022\/05\/welche-bedeutung-haben-die-grenzen-des-wachstums-heute\/","title":{"rendered":"WELCHE BEDEUTUNG HABEN DIE \u201eGRENZEN DES WACHSTUMS\u201c HEUTE?"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Stamm, Andreas \/ Jakob Rhyner \/ Hartmut Ihne<br>Die aktuelle Kolumne (2022)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bonn: German Development Institute \/ Deutsches Institut f\u00fcr Entwicklungspolitik (DIE), Die aktuelle Kolumne vom 30.05.2022<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Bonn, 30.05.2022.<\/em>&nbsp;Vor f\u00fcnfzig Jahren schreckte ein 200 Seiten starkes Werk die Welt\u00f6ffentlichkeit auf: \u201eLimits to Growth \u2013 Grenzen des Wachstums\u201c r\u00fcckte ins Bewusstsein, dass stetige Wachstumsprozesse auf einem endlichen Planeten an Grenzen sto\u00dfen k\u00f6nnen oder sogar m\u00fcssen. Den Bericht hatte der Club of Rome in Auftrag gegeben. Dieser wurde 1968 ins Leben gerufen und ist ein informeller Zusammenschluss von hochrangigen Personen aus Politik, Diplomatie, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Mission des Club of Rome ist es, dr\u00e4ngende Menschheitsfragen nicht l\u00e4nger in disziplin\u00e4ren Silos, sondern als komplexe interdependente Themen zu betrachten. Diese sollen in umfassenden und langfristig angelegten Forschungen bearbeitet und daraus Handlungsempfehlungen abgeleitet werden. Die Geschichte von \u201eLimits to Growth\u201c hat gezeigt, dass so gestaltete Forschungen tats\u00e4chlich weltweite politische Debatten ansto\u00dfen und dauerhaft verankern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>LOHNT SICH DIE LEKT\u00dcRE VON \u201eGRENZEN DES WACHSTUMS\u201c AUCH NACH F\u00dcNFZIG JAHREN NOCH UND WELCHE LEHREN K\u00d6NNEN GEZOGEN WERDEN?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bericht wirft einen Blick in die Zukunft, basierend auf f\u00fcnf Megatrends der ausgehenden sechziger und beginnenden siebziger Jahre: Bev\u00f6lkerungswachstum, Industrialisierung, Unterern\u00e4hrung, Verbrauch nicht-erneuerbarer Rohstoffe und Umweltverschmutzung. Erstmals in der Geschichte der Erdsystemforschung wurden Computer eingesetzt, um die Entwicklung komplexer Systeme im Zeitverlauf zu modellieren. Unter verschiedenen Annahmen wird untersucht, wie sich die genannten Megatrends jeweils f\u00fcr sich und im Zusammenspiel untereinander entwickeln werden. Eine zentrale Botschaft ist, dass einige der Beobachtungsgr\u00f6\u00dfen, konkret die Bev\u00f6lkerung und die industrielle Produktion nicht linear, sondern exponentiell wachsen. Wenn andere Systemelemente, beispielsweise die Nahrungsmittelproduktion, nur linear gesteigert werden k\u00f6nnen, m\u00fcssen massive Probleme zwingend auftreten. Die Autor*innen \u00e4u\u00dfern die Bef\u00fcrchtung, dass Fortschritte z.B. bei der Reduktion der Umweltverschmutzung je Produktionseinheit durch einen exponentiellen Anstieg der Produktion \u00fcberkompensiert werden. Ohne den \u00dcbergang von einem Wachstums- zu einem Gleichgewichtsmodell, so die Schlussfolgerung, ist ein schneller Systemzusammenbruch in naher Zukunft zwingend.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der Bericht wurde \u00fcber die Jahrzehnte hinweg intensiv und vielf\u00e4ltig rezipiert. Die Berechnungen und die ihnen zugrundeliegenden Annahmen werden r\u00fcckwirkend teilweise als \u00fcberm\u00e4\u00dfig vereinfachend und zu pessimistisch beurteilt. So konnte die Belastung st\u00e4dtischer Luft mit Schwefeldioxid nach 1972 deutlich schneller verringert werden als im Bericht als bestm\u00f6gliches Szenario beschrieben. Die Lebensmittelerzeugung wurde dynamischer ausgeweitet als angenommen. Die Industrialisierung als dominante oder gar einzige Form des Wirtschaftswachstums zu interpretieren, ist in der Nachbetrachtung unzureichend: Seit 1970 hat der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Wertsch\u00f6pfung deutlich zugunsten von Dienstleistungen abgenommen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andere Studien zeigen aber, dass einzelne der Megatrends und ihr Zusammenspiel sich im Zeitverlauf durchaus best\u00e4tigt haben. Andere Bedrohungen kamen hinzu, die 1972 noch kaum beachtet wurden. Der Klimawandel beispielsweise findet in \u201eGrenzen des Wachstums\u201c lediglich kursorische Erw\u00e4hnung im Mittelteil des Berichts; \u00e4hnlich verh\u00e4lt es sich mit dem Verlust an Biodiversit\u00e4t und dem Artensterben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr die Nachhaltigkeitsdebatte gerade in Deutschland ist folgende Betrachtung \u201e50 Jahre danach\u201c von gro\u00dfer Bedeutung. Technologischer Fortschritt kann, st\u00e4rker als 1972 prognostiziert, Wachstumsprozesse auf der einen von Umweltzerst\u00f6rung und der Ersch\u00f6pfung nat\u00fcrlicher Ressourcen und Senken auf der anderen Seite abkoppeln. Oft bedeutet dies keine absolute Entkoppelung, d.h. Ressourcen werden weiter verknappt und Senken belastet, nur geschieht dies deutlich langsamer als 1972 vermutet. Dies verschafft der Menschheit Zeit, um neue Modelle f\u00fcr die nachhaltige Entwicklung zu entwickeln und umzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Leider wird in Deutschland der Technologiediskurs oft mehr von der Furcht vor Risiken als von Optimismus bez\u00fcglich neuer Chancen gepr\u00e4gt. Dies betrifft weite Teile von Politik und Zivilgesellschaft. Aber auch die wissenschaftliche Technikfolgenabsch\u00e4tzung steht in der Tradition, vor allem m\u00f6gliche nicht-intendierte negative Folgen von neuen Technologien in den Blick zu nehmen. Diese von dem Philosophen Hans Jonas als \u201eHeuristik der Furcht\u201c gekennzeichnete Haltung kann Innovationen ausbremsen, was sich am Beispiel von Carbon Capture and Storage (CCS) ebenso zeigen l\u00e4sst wie bei neuen Pflanzenzuchtmethoden wie CRISPR-CAS. Wir pl\u00e4dieren nicht f\u00fcr Blindheit gegen\u00fcber m\u00f6glichen Risiken neuer Technologien. Angesichts rasch erodierender planetarer Grenzen sollte eine angemessene Bewertung von Innovationen aber in eine ergebnisoffene Einsch\u00e4tzung von Chancen und Risiken eingebettet werden. Nur so k\u00f6nnen Politik und Gesellschaft wichtige Leitplanken f\u00fcr die technologische Entwicklung setzen, ohne sie unn\u00f6tig und ethisch nicht vertretbar zu verlangsamen.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Andreas Stamm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Institut f\u00fcr Entwicklungspolitik.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jakob Rhyner ist Wissenschaftlicher Direktor der Bonner Allianz f\u00fcr Nachhaltigkeitsforschung \/ Innovations-Campus Bonn (ICB).<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Hartmut Ihne ist Pr\u00e4sident der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><a href=\"https:\/\/www.die-gdi.de\/uploads\/media\/Deutsches_Institut_fuer_Entwicklungspolitik_Stamm_Rhyner_Ihne_30.05.2022.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hier geht&#8217;s zum Download<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Originalbeitrag: <a href=\"https:\/\/www.die-gdi.de\/en\/the-current-column\/article\/welche-bedeutung-haben-die-grenzen-des-wachstums-heute\/\">https:\/\/www.die-gdi.de\/en\/the-current-column\/article\/welche-bedeutung-haben-die-grenzen-des-wachstums-heute\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor f\u00fcnfzig Jahren schreckte ein 200 Seiten starkes Werk die Welt\u00f6ffentlichkeit auf: \u201eLimits to Growth \u2013 Grenzen des Wachstums\u201c r\u00fcckte ins Bewusstsein, dass stetige Wachstumsprozesse auf einem endlichen Planeten an Grenzen sto\u00dfen k\u00f6nnen oder sogar m\u00fcssen. 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